Hast du manchmal das Gefühl, nicht genug „Experte/in“ zu sein? Vorweg eine Tatsache über Selbstzweifel: Jeder hat sie.

Ich war früher quasi eine Selbstzweifel-Queen. Heute sind sie immer noch da, aber ich reite ihren Drachen. Erkenne sogar ein paar ihrer Vorteile. Selbstzweifel treiben uns an, zu lernen und zu wachsen. Sie halten uns bescheiden und sie können für Ehrlichkeit und Transparenz in Gesprächen sorgen. Und sie können uns antreiben, das Beste aus uns herauszuholen.

Aus unseren Mentorings wissen Andrea und ich, dass Selbstzweifel zu den Topgründen gehören, warum Menschen ihre beruflichen Träume nicht verwirklichen. Und eine Aussage hören wir dabei besonders oft: „Ich würde ja gern, aber ich bin keine Expertin, ich habe ja gar keine Ausbildung.“

Immer wieder begegnen uns talentierte Menschen mit Ideen, die sie teilen wollen – Bücher, die sie schreiben wollen, Vorträge, die sie halten wollen, Unternehmen, die sie gründen wollen, Aufgaben und Jobs, die sie übernehmen wollen. Menschen, die sich aber zurückhalten, weil sie denken, dass sie nicht genug über ihr Thema wissen.

Sie denken: „Da draussen gibt es echte Experten auf diesem Gebiet – und ich bin keiner von ihnen.” Sie meinen damit die Menschen mit Diplomen, Abschlüssen und jahrzehntelanger, professioneller Erfahrung in diesem Bereich.

Tatsächlich ist das nur eine Art von Experte – “der Spezialist”. Es gibt aber weitere Arten von Experten, die ohne Fachausbildung einen wichtigen, sinn- und nutzenstiftenden Beitrag zu unserer Welt leisten können.

  1. Der Überlebende

Du hast in einer Lebensphase etwas „durchgemacht“, dabei viel gelernt, und jetzt brennst du dafür, das zu teilen, was du erlebt und gelernt hast. Vielleicht hast du eine Krankheit/Krise durchlebt und willst über deinen Weg zur Gesundheit schreiben. Vielleicht hast du schon Unternehmen gegründet, bist gescheitert und möchtest Einblicke in das Unternehmertum geben.

Überlebende haben die Fähigkeit, sich auf einer tieferen Ebene mit einem Publikum zu verbinden, wozu die meisten „gelernten“ Experten nicht in der Lage sind.

“Überlebende” befürchten oft, dass ihre persönliche Erfahrung nicht ausreicht, um ihnen Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Aber überlege dir mal, welche Stärken du als „Überlebender“ mitbringst: Du hast die Fähigkeit, dich auf einer tieferen Ebene mit deinem Publikum zu verbinden, was die meisten „gelernten“ Experten zu deinem Thema nicht haben. Du kannst als Mentor inspirieren und Vorbildfunktion übernehmen – nicht nur Informationen weitergeben. Du hast Insider-Einblicke, die dir helfen werden, ein authentisches, greifbares Angebot für dein Publikum zu schaffen.

Was für das professionelle Überlebende-Expertentum wichtig ist: Pauschalisiere deine Erfahrung nicht. Wenn “Überleben” die Quelle für dein Wissen ist, erzähle deine Geschichte so echt und kraftvoll wie möglich und gib deine Erfahrungen ohne Ansprüche auf die Wahrheit oder die Lösungen für alle weiter. Die Leute werden zuhören, wenn du ehrlich teilst, was für dich funktioniert hat und was nicht.

  1. Der Berufene

Dann gibt es die Menschen, die aus dem Gefühl der Berufung heraus in ein Projekt eintauchen. Sie spüren ein inneres, geheimnisvolles Gefühl von “diese Arbeit/dieses Thema gehört mir”. Jessica Jackley zum Beispiel konnte nicht verstehen, dass viele Nonprofit-Organisationen hilfsbedürftige Menschen nicht dabei unterstützen und sie befähigen, sich selbst zu helfen. Aus der anhaltenden Frustration über diesen Status quo und ein Gefühl der Berufung begann sie mit der Entwicklung von Kiva.org, der heute grössten Mikrofinanzplattform der Welt.

Berufene verkörpern eine „mitreissende, nachhaltige“ Leidenschaft. Sie haben Visionen und – vielleicht das Wichtigste – eine brennende Unzufriedenheit mit einem Status Quo.

Die Berufenen bringen viele Geschenke mit in die Arbeitswelt. Sie verkörpern eine „mitreissende, nachhaltige“ Leidenschaft. Sie haben Visionen und – vielleicht das Wichtigste – eine brennende Unzufriedenheit mit einem Status Quo, das unbändige Verlangen, etwas besser zu machen, bei dem andere vielleicht schon resigniert haben.

Die Herausforderung für die Berufenen besteht darin, ihrem „Ruf“ zu vertrauen. Das ist besonders schwierig, wenn sie keinen logischen Grund finden, warum sie sich für ein Thema/Projekt interessieren oder dafür eine Grundqualifikation mitbringen. Die Berufenen haben im Allgemeinen das Gefühl, dass sie nicht das haben, was sie brauchen – und sie sind nicht das, was sie sein müssten -, um ihre Berufung zu erfüllen.

Sie spüren vielleicht sogar einen grossen Widerstand. Ein Teil von ihnen will in die andere Richtung laufen. Du fühlst dich, als wäre die Aufgabe riesig und du könntest ihr nicht gewachsen sein. Es fühlt sich so an, als ob es unmöglich ist, weil es ja gar nicht in das (Berufs)Leben passt, in das du schon so viel investiert hast. Denke daran: Auf der Reise des archetypischen Helden ist Schritt 1 “den Ruf hören”. Schritt 2 “Dem Ruf widerstehen.” Das ist normal. Es ist Teil des Prozesses. Der Schlüssel ist schliesslich, diesen Widerstand aufzugeben einfach anzufangen, in allen Teilschritten, die möglich sind. Du brauchst Mentoren, um Wissenslücken zu schliessen … und für den liebevollen Tritt in den Hintern.

  1. Der (Hoch)Begabte

Viele hochbegabte Menschen – und dazu zähle ich die emotional begabten, die hochsensiblen ebenfalls – tun sich äusserst schwer damit, ihre Begabung so einzusetzen, dass sie sich gut entfalten kann und reiche Ernte bringt. Das hat mehrere Gründe. Erst einmal ist es gar nicht so einfach, sich ein überdurchschnittliches Talent einzugestehen. Wenn man Menschen auf ihre Hochbegabung abspricht, wiegeln sie in der Regel ab, stellen ihr Talent in ein schlechtes Licht, nach dem Motto „das war doch nichts Besonderes, das kann doch jeder“. Das ist typisch. Hochbegabt sind nicht unbedingt die, die es betonen und laut darauf hinweisen. Im Gegenteil, viele äusserst talentierte Menschen gestehen sich selbst nicht ein, dass sie überdurchschnittlich “intelligent“ sind.

Und damit sind wir bei einem Stichwort, das oft zu einem falschen Bild von Hochbegabung führt: Die Intelligenz. Was in der Öffentlichkeit unter Hochbegabung verstanden wird, ist nur ein kleiner Ausschnitt. Das sind die überprüfbaren Intelligenzformen wie mathematisch-analytische, bildlich-räumliche oder sprachliche Intelligenz. Auf diesen Intelligenzmodellen basieren die IQ-Tests. Sie geben nur Überblick über einen ganz bestimmten Ausschnitt an Talent.

Es gibt aber auch andere Intelligenzformen, wie z.B. die Körperlich-kinästhetische Intelligenz,

die Inter- oder Intrapersonale Intelligenz oder die Existenzielle (Spirituelle) Intelligenz. Letzteres sind Begabungsformen, wie viele hochsensitive Menschen sie mitbringen, nämlich die Fähigkeit Zwischenmenschliches oder Spirituelles zu erspüren und zu verarbeiten. Für diese Arten von Hochbegabung sind IQ-Tests nicht ausgelegt. Oder die Musikalisch-rhythmische Intelligenz? Mozart hätte bei einem Standard-IQ-Test vermutlich nicht als begabt abgeschnitten.

Viele hochbegabte, hochsensitive Menschen haben die Fähigkeit Zwischenmenschliches oder Spirituelles auf besondere Art zu erspüren und zu verarbeiten.

Für Begabte ist es besonders wichtig, an ihrem Selbst-Bild, an ihrem Selbst-Bewusstsein und an ihrem Umfeld zu arbeiten. Zum Umfeld ein schönes Beispiel von Eckhart von Hirschhausen, der eine besondere Begabung im Erkennen von medizinischen Zusammenhängen hat:

In seiner Tätigkeit als Arzt auf der Krankenhausstation und beim Schreiben der Arztbriefe hat Hirschhausen sich gefühlt wie der Pinguin an Land. Und er erinnert sich daran, dass er sich wie der Pinguin im Wasser gefühlt hat, wenn er abends auf einer kleinen Bühne als Zauberer mit seinen Kunststückchen die Augen der Zuschauer zum Strahlen brachte. Auf der Bühne konnte er seine Kreativität ausleben, die beim Schreiben von Arztbriefen eher hinderlich war.

So war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, dass es für alle Beteiligten viel besser wäre, wenn er sein medizinisches Fachwissen im Rahmen einer Show auf die Bühne bringen würde. Und so kam es dann auch.

Wahrscheinlich hat Hirschhausen durch seine Fernsehshows und Bücher einen positiveren Einfluss auf die Volksgesundheit, als wenn er weiter Arzt im Krankenhaus geblieben wäre. Dabei mangelte es ihm nie an Begabung, aber er arbeitete im falschen Umfeld. Das war Hirschhausens entscheidende Entdeckung. Erst als er das richtige Umfeld für sich gefunden hatte, konnte er seine vielfältigen Begabungen entfalten und breitenwirksam einsetzen.

  1. Der Querdenker

Sie können ganz schön anstrengend sein: Menschen, die alles hinterfragen und sich nichts vorschreiben lassen. Querdenker haben bezogen auf den Persönlichkeitstest Big Five meist zwei Eigenschaften: Sie haben eine hohe Offenheit für neue Erfahrungen – verbunden mit Fantasie, Forschungsgeist und interdisziplinären Interessen. Sie wagen es, anders zu sein. Sie hinterfragen altgediente Überzeugungen und Dogmen und halten es mit Kurt Tucholsky, der sagte: „Traue keinem Fachmann, der sagt, das mache er schon seit 20 Jahren so; es könnte sein, dass er es seit 20 Jahren falsch macht.“

Querdenker haben eine hohe Offenheit für neue Erfahrungen – verbunden mit Fantasie, Forschungsgeist und interdisziplinären Interessen. Sie wagen es, anders zu sein.

Sie gelten oft als unbequem und passen in keine Schublade. In einer rational strukturierten Arbeitswelt hatten es Querdenker und kreative Chaoten bisher oft schwer. Die gute Nachricht: Genau dieses Talent ist heute gefragter denn je und sein Potenzial kann von unschätzbarem Wert sein. Denn langfristig – da sind sich alle Ökonomen und Zukunftsforscher einig – können sich nur Unternehmen gut am Markt behaupten, die Visionen haben, Trends rechtzeitig erkennen und die mutige Führungskräfte und Mitarbeiter haben, die sich trauen, neue Wege zu gehen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Erfolg des Business-Querdenker-Duos Förster&Kreuz. Als Autoren und Vortragsredner machen sie Mut, mit Kreativität und Scharfsinn neue Ideen zu entwickeln, ausgetretene Pfade zu verlassen und Neues auch umzusetzen – auch gegen die institutionalisierten Bedenkenträger.

Das Querdenker-Talent kann man auch anders nutzen. Zum Beispiel der Familientherapeut, der über das Zusammenspiel von Teams bei der Arbeit schreibt. Oder der Marketing- und Kommunikationsprofi, der sein Wissen im Fundraising einbringt. Querdenker verfügen über fundierte Kenntnisse im Bereich “x” und bringen diese Denkweisen ein, wenn sie Bereich “y” betrachten. Tom Ford zum Beispiel wandte seine Expertise in Modedesign als Filmemacher an, als er die grossartigen Filme „A Single Man“ oder „Nocturne Animals“ kreierte.

Querdenker stellen interdisziplinäre Verbindungen her und treiben Innovationen voran. Sie sehen die blinden Flecken des konventionellen Denkens in dem Bereich, dem sie ihre Aufmerksamkeit gewidmet haben. Der Querdenker kann ermutigen, er kann provokante Fragen stellen, interdisziplinäre Sprünge und Prototyping machen.

  1. Der Spezialist

In unserer Kultur ist diese Art von Expertise am meisten akzeptiert. Der Spezialist verfügt über eine formelle Ausbildung (Abschlüsse, Diplome, Zertifikate) oder viel praktische Erfahrung. Ihr Fachwissen können Spezialisten auch durch umfangreiche Recherchen zu ihrem Thema erlangen. Brené Brown zum Beispiel hat Soziale Arbeit studiert, forschte danach jahrelang über Scham und Verletzlichkeit und schreibt heute Bücher als Expertin zu diesen Themen.

Die Vorteile dieser Art von Expertise sind vielfältig: Spezialisten haben ein Gespür für die üblichen Branchenstandards zu ihrem Thema. Sie verfügen oft über gute Branchen-Netzwerke. Weil sie im Laufe der Jahre so viele Erfahrungen gemacht haben, können sie sachlich einschätzen, was funktioniert, sie können Eintagsfliegen von echten Trends unterscheiden.

Spezialisten können aufgrund ihrer Bildung und Erfahrung sachlich einschätzen was funktioniert. Sie können Eintagsfliegen von echten Trends unterscheiden.

Der Nachteil? Spezialisten stecken oft im Inside-the-Box-Denken fest. Um das zu vermeiden, sollten Spezialisten regelmässig mit Kollegen aus verwandten, aber unterschiedlichen Disziplinen sprechen und „Rebellen“ ins Team holen, um die Perspektiven und Horizonte zu erweitern.

Erfüllung und grosse Beiträge an die (Arbeits)Welt gehen verloren, weil viele von uns denken, dass Nr. 5 – formale Ausbildung – die einzige Art von legitimer Expertise ist. Sicherlich sind Spezialisten sehr wichtig. Wir profitieren enorm davon, in einer Zeit zu leben, in der so viele Informationen verfügbar sind, in der die formale Bildung immer zugänglicher wird, und in der es Menschen mit tiefem, spezialisiertem Wissen gibt. All das ist von unschätzbarem Wert – aber es ist nicht die einzige Art von Wert.

Andrea und ich sind in unserer Aufgabe als „Work-Happiness-Mentorinnen“ irgendwie ein Mix aus allem. Und auch wir haben ab und an Selbstzweifel. Aber wir sind uns dieser inneren Stimme gewahr und schenken ihr nur dort Gehör, wo wir glauben, dass sie uns in unserer Zielerreichung unterstützt.

Glaube daran, dass du beruflich glücklich und erfolgreich sein kannst, auch wenn du kein Studium oder themenspezifischen Diplomabschluss hast. Wenn wir das können, dann kannst du das auch!

Alles Liebe,
Nadine

 

PS: Inspiriert von Tara Mohr: www.taramohr.com